Der „Gründervater“ von Neu-Ulm Karl Ernst von Gravenreuth - ein Mann mit klarem Blick und Visionen

2011, das „Jubeljahr“, „200 Jahre Neu-Ulm“, politische Gemeinde, ist zu Ende. Städtisches Selbstbewusstsein ist dabei gewachsen und das Wissen, Teil einer Großstadt von rund 180.000 Einwohnern zu sein. Die Veranstaltungen, das Stadtfest und Fachvorträge im Historischen Verein belegen: Neu-Ulm ist eine Erfolgsgeschichte.

Vielleicht hätte sich Neu-Ulm von selbst entwickelt. Aber es gibt eine Persönlichkeit, einen Ex-Militär, der mit strategischem Denken die Chancen des Donau-Südufers vor Ulm für Bayern schon vor der Umsetzung der Grenzziehung in der Donaumitte erkannt und gehandelt hatte – einen Mann mit klarem Blick und Visionen. Seine Leistung für das Entstehen der heutigen Stadt Neu-Ulm, bislang weitgehend unbekannt und damit wenig gewürdigt, ist die Entdeckung zum Jubiläumsjahr.

Karl Ernst von Gravenreuth ( 1771 – 1826), geboren in Lothringen als Sohn eines Kavallerieoffiziers in Diensten des Königs von Frankreich, entstammte einem der ältesten Rittergeschlechter Oberfrankens. Drei Jahre alt wurde er „Edelknabe“, der Spielgefährte und „Ersatzbruder“ des Erbprinzen Karl von Zweibrücken, der 1784 verstarb. Weil offensichtlich lieb gewonnen, nimmt die Herzogin das Kind Karl als Page in ihre Dienste. Nach 1789 schließt sich ein Jura-Studium in Göttingen an. 1794 folgt die Ernennung zum Legationsrat am Hof von Zweibrücken, 1797 die zum Regierungsrat. Eine steile Verwaltungskarriere , die den am bayerischen Hof „glänzend Eingeführten“, wie Historiker und Biograf Dr. Frank Raberg, Neresheim, im Historischen Verein Neu-Ulm zutreffend feststellte, mehr als nur „hoffähig“ machte. 1799 tritt er in den bayerischen diplomatischen Dienst ein, geht nach München, wird Geheimer Rat und „Referendär“ im Außenministerium. Dann geht es los! Ein Jahr später, 1800 Gesandter und Bevollmächtigter Minister in Wien, 1803 in Salzburg.

Spitzendiplomat am Tisch Napoleons

Gravenreuth, „wohl einer der engsten Weggefährten des Kurfürsten bzw. späteren Königs Max I. Joseph“, so Dr. Raberg, „galt als hervorragender Diplomat, sicher und gewandt auf dem Parkett internationaler Verhandlungen in Zeiten ununterbrochener Kriege. Es war deshalb kein Zufall, dass er vom Kurfürsten wiederholt ins Hauptquartier der Grand Armee entsandt wurde.“ Dort landete er 1805 seinen größten Coup. Im Vorfeld des Friedens von Preßburg (26. Dez. 1805) hatte Gravenreuth durchgesetzt, dass Napoleon den Löwenanteil seiner Beute seinem stärksten Bundesgenossen, dem neuen Bayern, zugesagt hatte, entgegen den Versprechungen die sein bestechlicher Minister Talleyrand bereits den Württembergern gemacht hatte. So kam das heutige Bayerisch-Schwaben (Augsburg/Lindau) und vorübergehend auch Vorarlberg zu Bayern. Gravenreuth wird Armeeminister (1806).

Der Erfolg stieg zu Kopf

würde man heute sagen. Er verleitete ihn „zu unausgegorenen Putschplänen“ gegen die Nr. 2 im Kurfürstentum Bayern Max-Joseph Graf von Montgelas, an dessen Stelle er selbst treten wollte. Raberg weiter: „Obgleich vom Kronprinz, dem späteren König Ludwig I. unterstützt, gelang es ihm nicht, Montgelas zu stürzen, wohl aber sich die Gunst des Landesherrn zu verscherzen.“ Er wurde 1806 „kurzfristig kaltgestellt“, wechselte in den Verwaltungsdienst.

Dienstsitz Ulm

Die ehemals Freie Reichsstadt war seit 1802 faktisch, ab 1803 auch rechtlich bayerisch und Provinzhauptstadt. Dort trat Gravenreuth im März 1807 das Amt als General-Landeskommisär und Präsident der Landesdirektion Schwaben an. Ein Amt, das heute mit Regierungspräsident bezeichnet wird. Im Namen wird sie abgelöst 1808 durch den „Oberdonaukreis“, einer Verwaltungseinheit nach französischem Vorbild.

Gnade für die „Krumbacher Weiber“

Als Generalkommissär sollte er 1807 zuständigkeitshalber gegen die Frauen und Mütter aus Krumbach in Vorarlberg vorgehen, die gegen die Einschreibung ihrer Männer und Söhne in die Musterungslisten des Militärs auf die Barrikaden gegangen waren. Gravenreuth setzte sich für ihre Begnadigung ein, mit heute harten Worten: „Ob einige Weiber zum Rädern und Hängen verurteilt werden, daran liegt im Staatsinteresse wenig.“Er sei „eine von den Gedanken der Aufklärung und des Humanismus geprägte Persönlichkeit gewesen“, führte Ur-Ur-Neffe Freiherr Marian von Gravenreuth aus, der auf Einladung des Oberbürgermeisters zum Historischen Verein gekommen war.

1810 – Die Donaugrenze

brachte ein zusätzliches Amt, das des „Hofkommissärs zur Vollziehung des Pariser Staatsvertrages und Berichtigung der Grenze zwischen Bayern und Württemberg“. Er, dem die Folgen des Grenzverlaufs in der Donaumitte bei Ulm klar vor Augen standen, war dabei Abwickler und Initiator. Er überwachte den Abzug der bayerischen und den Einzug der württembergischen Truppen, zeitlich und räumlich sorgsam getrennt, und blickte mit Sorge auf das Südufer mit einem Konglomerat an Ulmer Schiffsbau-, Liege- und Lagerplätzen, Gärten und spärlichen Gebäulichkeiten, die den Schützen, dem Scharfrichter, Flußhandel und der Bewirtung dienten. Es waren deren wenig, die Fluktuation über die Brücke dagegen heftig.

Die Vision – eine bayerische Stadt

Gravenreuth weist auf die Bewegung über die Brücken nachdrücklich hin. Bereits am 6. und 27. März 1811, vor dem Vollzug durch Schlagbäume, fordert er eine Grenzinfrastruktur, die den Anforderungen gerecht wird und dies auch aus damaliger Sicht ziemlich penetrant. Ihm geht es zunächst um ein „Polizeikommissariat“, das die Grenzkontrollen sicher stellt und er bekommt es. Aber schon vorher, am 9. August 1810, entwickelt Gravenreuth seine Vorstellung über die Gestaltung des Südufers durch Neubauten, wie Wachhaus, Militär- und Mautgebäude, Straßenbauten werden präzisiert und es taucht die Idee für eine neue Stadt „als starkem Vorposten gegen Ulm“ auf. Aber aus der „Max-Stadt“ wird nichts. König seit 1810, Maximilian I. Joseph, lehnt ab. Aber die bewährte Gravenreuthsche Penetranz zeigt trotzdem Wirkung. Ob die persönliche Vergangenheit der Partner dabei vorteilhaft oder schädlich war, das bleibt offen. Klar ist, das Königreich Bayern war damals nahezu Pleite und die königlichen Bediensteten standen am Zahltag bittend und hoffend Schlange.

Gemeinde Ulm auf dem rechten Donauufer

Sein Vorschlag vom 12. Februar 1811 schlug endlich durch. Der König verlautbarte am 7. April:

„Ist Uns euer Vorschlag wegen Bildung einer eigenen Gemeinde auf dem rechten Donauufer der Stadt Ulm gegenüber genehm.“ Und, „Hiernach werdet ihr nunmehr die zur Bildung dieser Gemeinde erforderlichen Einleitungen und Einrichtungen zu treffen wissen.“ Gravenreuth bestimmte dazu den 22. April 1811, das Gründungsdatum der Verwaltungseinheit, die heute als Stadt Neu-Ulm längst eine Erfolgsgeschichte ist. Die neue Grenze hatte natürlich auch Folgen im Verwaltungsaufbau. Der Oberdonaukreis wurde neu zugeschnitten, zunächst mit Sitz in Eichstätt, dann in Augsburg. Gravenreuth blieb unverändert für das spätere Neu-Ulm verantwortlich. Was und wie viel er dabei für seinen, der Verfasser glaubt, heimlichen Favoriten „Neu-Ulm“ tun konnte, ist bislang unbekannt. Das Leben des „Gründervaters von Neu-Ulm“ bleibt bis heute in vielen Teilen unerforscht. „Wir sind im Werkstattstadium“, sagt Dr. Raberg.

Lebensleistung anerkannt

1817 wird Gravenreuth Staatsrat, erhält das Kgl. Mannlehen Affing, das er zuvor käuflich erworben hatte. Von 1819 – 1825 ist er gewähltes Mitglied in der Bayer. Kammer der Abgeordneten, wird 1820 erster Ehrenbürger von Augsburg. 1825 in den Grafenstand erhoben,wirkt er bis zu seinem Tode 1826 als erbliches Mitglied der Kammer der Reichsräte Bayerns. In der Familiengruft in Affing, Kreis Aichach/Friedberg, hat er seine letzte Ruhestätte gefunden.

Der Gründervater Neu-Ulms – die Entdeckung zum Jubiläumsjahr 2011

Ja, es gibt eine Persönlichkeit, die sich belegbar um die heutige politische Gemeinde, die Stadt Neu-Ulm, verdient gemacht hat. 1805 mit der Verdrängung württembergischer Hoheitsgelüste in Bayerisch-Schwaben und 1810/11 mit dem engagierten Einsatz für ein Gemeinwesen, das heute Neu-Ulm heißt. Wenn dies erkannt ist, dann gilt es, das Wissen darüber in der Stadtgesellschaft zu verankern, als bleibendes Ergebnis des Jubiläumsjahres 2011 und darüber hinaus.

Ulrich Seitz